Ein Zweithund zieht ein – und plötzlich verändert sich der Alltag. Für den neuen Hund, aber auch für den Ersthund.
Als Roxy bei uns eingezogen ist, dachten wir, dass wir eigentlich ziemlich gut vorbereitet sind. Luna war zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Jahren bei uns und unser gemeinsamer Alltag lief richtig gut.
Trotzdem hat uns die Anfangszeit mit zwei Hunden einiges abverlangt. Wir mussten lernen, dass ein Zweithund nicht einfach „noch ein Hund“ ist, sondern dass sich dadurch für den Ersthund, für den neuen Hund und auch für uns vieles verändert.
Heute, einige Zeit später, sind Luna und Roxy ein eingespieltes Team. Sie schlafen gemeinsam auf dem Sofa, orientieren sich aneinander und haben sich gegenseitig in vielen Bereichen positiv beeinflusst.
Aber der Weg dorthin war nicht immer einfach.
Warum wir uns für einen Zweithund entschieden haben
Luna war zu diesem Zeitpunkt schon über zwei Jahre bei uns und hatte sich zu einer tollen Begleiterin entwickelt.
Wir hatten gemeinsam die Sachkundeprüfung abgeschlossen und auch im Alltag lief vieles so, wie wir es uns gewünscht hatten. Luna war gut ansprechbar, leinenführig und unser Antijagdtraining war bereits sehr weit fortgeschritten. Sie ließ sich sogar von Hasen abrufen. Auch das Alleinebleiben funktionierte bei ihr richtig gut.
Irgendwann kam deshalb bei uns die Frage auf: Haben wir eigentlich die Kapazität für einen zweiten Hund?
Ein wichtiger Grund war Luna selbst. Durch Veränderungen in unserer Hundeschule waren ihre bisherigen Lieblingsspielpartner nach und nach weggefallen. Auch außerhalb der Hundeschule hatten wir nur wenige Hundekontakte gefunden, bei denen es zwischen den Hunden wirklich gut passte.
Wir hatten deshalb den Wunsch, einen passenden Hund für Luna zu finden – einen Hund, mit dem sie einen festen vierbeinigen Begleiter an ihrer Seite haben könnte.
Dann lernten wir Roxy kennen.
Nach den Treffen mit Luna und Roxy hatten wir das Gefühl, dass es zwischen den beiden gut passt. Also entschieden wir uns schließlich dafür, Roxy bei uns aufzunehmen.
Was wir damals noch nicht wussten: Die ersten Wochen würden deutlich anstrengender werden, als wir gedacht hatten.
Die ersten Wochen mit zwei Hunden
Wir hatten bis dahin noch nie einen anderen Hund dauerhaft bei uns in der Wohnung gehabt. Wir wussten also gar nicht, wie Luna damit umgehen würde, plötzlich ihren gesamten Alltag und ihr Zuhause mit einem zweiten Hund teilen zu müssen. Und das hat sich relativ schnell gezeigt.
In den ersten zwei Wochen konnten wir die beiden nicht einfach unbeaufsichtigt gemeinsam in einem Raum lassen. Luna hat sehr deutlich gezeigt, dass sie die ältere Hündin ist. Ihre Körperhaltung wurde aufrechter, ihre Rute war hochgestellt und sie wirkte insgesamt deutlich präsenter. Gleichzeitig wollte sie Roxy am Anfang kaum aus den Augen lassen.
Sie wollte genau wissen, was Roxy gerade macht und wo sie sich in der Wohnung befindet.
„Darf ich auch auf die Couch?“
Besonders deutlich wurde die neue Situation bei Dingen, die für Luna vorher selbstverständlich waren. Zum Beispiel wollte Luna anfangs nicht, dass Roxy mit auf die Couch oder auf das Bett kommt.
Für uns war das eine neue Situation. Wir wollten Luna natürlich nicht das Gefühl geben, dass sie durch Roxy plötzlich alles teilen oder abgeben muss. Gleichzeitig musste Roxy lernen, Lunas Grenzen zu respektieren.
Deshalb mussten wir gerade am Anfang sehr viel beobachten und managen.
Zwei Hunde, zwei völlig unterschiedliche Charaktere
Während Luna eher darauf bedacht war, Roxy im Blick zu behalten und ihre Grenzen zu zeigen, war Roxy das komplette Gegenteil.
Roxy war damals erst sieben Monate alt und entsprechend junghundetypisch sehr ungebremst. Sie wollte eigentlich die ganze Zeit mit Luna interagieren. Spielen, hinterherlaufen, Aufmerksamkeit bekommen – und besonders gerne wollte sie Luna immer wieder in die Pfoten knappen.
Für Luna wurde es irgendwann verständlicherweise zu viel. Wir mussten deshalb relativ schnell lernen, die Interaktionen zwischen den beiden zu begleiten und auch rechtzeitig einzugreifen.
Lieber kurz und gut als zu lange
Eine Sache, die uns in dieser Zeit besonders geholfen hat, war, den Kontakt zwischen den beiden bewusst zu steuern.
Wenn wir gemerkt haben, dass Roxy Luna zu sehr auf die Nerven geht oder die Stimmung langsam kippt, haben wir die Interaktion beendet. Wir haben viel mit Platzzuweisungen gearbeitet und Roxy immer wieder dabei geholfen, zur Ruhe zu kommen.
Dabei haben wir eine für uns wichtige Regel entwickelt: Lieber kurz und gut als zu lange, bis die Stimmung kippt.
Roxy musste erst lernen, Lunas Signale zu verstehen und zu akzeptieren, wenn Luna gerade keine Lust auf Kontakt hatte. Gleichzeitig musste Luna lernen, dass Roxy jetzt zu ihrem Alltag gehört und nicht wieder verschwindet.
Langsam wurde es entspannter
Nach einigen Wochen haben wir gemerkt, dass sich etwas verändert. Die beiden konnten immer entspannter nebeneinander sein. Irgendwann lagen sie einfach gemeinsam herum und schliefen.
Luna musste Roxy nicht mehr ständig im Auge behalten. Sie konnte wieder entspannen, obwohl Roxy im selben Raum war. Und auch Roxy begann immer besser zu verstehen, wann Luna ihre Ruhe haben wollte.
Wir mussten immer weniger eingreifen. Für uns war das ein großer Fortschritt. Denn unser Ziel war gar nicht, dass die beiden ständig miteinander spielen.
Ein genauso wichtiger Schritt war für uns, dass sie einfach entspannt nebeneinander sein konnten.
Roxy orientiert sich stark an Luna
Heute ist besonders schön zu beobachten, wie stark Roxy sich an Luna orientiert. Roxy hat durch Luna viele ihrer Ängste überwunden. Wenn Roxy in einer Situation unsicher ist und sieht, dass Luna völlig entspannt damit umgeht, gibt ihr das häufig Sicherheit. Luna ist für sie in vielen Situationen eine Art Orientierungspunkt geworden.
Und genau wie Roxy von Luna gelernt hat, hat auch Luna durch Roxy einiges verändert.
Luna ist durch Roxy gelassener geworden
Was uns im Laufe der Zeit besonders aufgefallen ist: Luna ist durch die Mehrhundehaltung in vielen Situationen deutlich gelassener geworden. Sie wirkt heute insgesamt reifer und souveräner als vor Roxy.
In Situationen, die sie früher vielleicht stärker beschäftigt haben, wirkt sie mittlerweile häufig entspannter.
Wir haben das Gefühl, dass sie durch Roxy gelernt hat, manche Dinge etwas lockerer zu nehmen und nicht jede Situation selbst so genau beobachten oder bewerten zu müssen.
Auch bei fremden Menschen haben wir eine Veränderung bemerkt. Wenn Luna sieht, dass Roxy entspannt mit einer Person interagiert, fällt es ihr teilweise leichter, sich ebenfalls darauf einzulassen.
Das Spannende für uns ist deshalb, dass die beiden sich gegenseitig beeinflussen.
Roxy orientiert sich an Luna und gewinnt dadurch Sicherheit. Luna wiederum scheint durch Roxy gelassener und souveräner geworden zu sein.
Aber: Die Mehrhundehaltung hat auch Rückschritte gebracht
So schön diese Entwicklung ist, die Mehrhundehaltung hat bei uns nicht nur positive Veränderungen mit sich gebracht. Wir mussten auch feststellen, dass es in manchen Bereichen Rückschritte gab. Und genau hier haben wir selbst einen Fehler gemacht.
Unser Antijagdtraining mit Luna war vor dem Einzug von Roxy bereits sehr weit. Sie war beim Freilauf sehr zuverlässig und ließ sich sogar aus Situationen mit Hasen abrufen.
Deshalb haben wir Luna in den ersten Wochen mit Roxy weiterhin wie gewohnt ohne Leine laufen lassen.
Im Nachhinein würden wir das so nicht noch einmal machen.
Wir hatten unterschätzt, wie groß die Umstellung auch für unseren Ersthund ist, wenn plötzlich ein zweiter Hund bei jedem Spaziergang dabei ist.
Luna musste sich nicht nur an Roxy in unserem Zuhause gewöhnen. Auch draußen musste sie plötzlich ihre Aufmerksamkeit und unsere Aufmerksamkeit mit einem anderen Hund teilen.
Bei einem Spaziergang war ihre Impulskontrolle deshalb nicht so zuverlässig wie wir es von ihr kannten – und sie ist kurz zum Jagen abgehauen.
Unser Antijagdtraining wurde durch dieses Erlebnis ein gutes Stück zurückgeworfen. Aktuell laufen wir deshalb wieder mit Luna an der Schleppleine und arbeiten uns Schritt für Schritt zurück.
Überschätzt euren Ersthund nicht
Für uns war dabei ganz klar: Das war unser Einschätzungsfehler und nicht Lunas Schuld.
Wir hatten uns zu sehr darauf verlassen, was vor dem Einzug von Roxy bereits gut funktioniert hatte. Dabei hatten wir unterschätzt, wie sehr sich die Situation für Luna verändert hatte.
Deshalb wäre unser Tipp im Nachhinein: Überschätzt euren Ersthund nicht.
Auch wenn euer Hund vor dem Einzug eines Zweithundes zuverlässig war, kann die neue Situation zunächst ganz andere Anforderungen an ihn stellen.
Ein zweiter Hund verändert nicht nur euren Alltag. Er verändert auch den Alltag eures Ersthundes.
Aufmerksamkeit, Erregungslevel, Abläufe und Situationen, die vorher selbstverständlich waren, können plötzlich ganz anders sein.
Nur weil etwas vorher zuverlässig funktioniert hat, muss es unter den neuen Bedingungen nicht automatisch genauso gut funktionieren.
Für uns bedeutet das aktuell, einen Schritt zurückzugehen, wieder mit Schleppleine zu arbeiten und Luna die Zeit zu geben, die sie braucht, um auch mit Roxy an ihrer Seite wieder zu ihrer alten Zuverlässigkeit zurückzufinden.
Was wir aus der Anfangszeit gelernt haben
Wenn wir heute auf die ersten Wochen zurückblicken, gibt es einige Dinge, die wir anderen Mehrhundehaltern mitgeben würden.
1. Gebt beiden Hunden Zeit
Es muss nicht sofort alles funktionieren.
Ein Ersthund muss sich daran gewöhnen, dass plötzlich ein anderer Hund dauerhaft Teil seines Lebens ist. Und der neue Hund muss erst verstehen, wie das Zusammenleben funktioniert.
2. Beobachtet die Kommunikation
Gerade am Anfang haben wir viel darauf geachtet, wie Luna und Roxy miteinander kommunizieren.
Nicht jeder Kontakt muss stattfinden und nicht jede Interaktion muss von den Hunden selbst gelöst werden.
3. Helft dem neuen Hund, Grenzen zu verstehen
Roxy musste erst lernen, wann Luna spielen möchte und wann sie ihre Ruhe braucht. Dabei hat uns geholfen, nicht erst einzugreifen, wenn es bereits zu viel geworden ist.
4. Ruhe ist genauso wichtig wie gemeinsames Spielen
Heute empfinden wir es als einen großen Erfolg, wenn beide Hunde einfach entspannt nebeneinander schlafen. Mehrhundehaltung bedeutet nicht, dass die Hunde ständig miteinander beschäftigt sein müssen.
5. Überschätzt euren Ersthund nicht
Das ist wahrscheinlich unsere wichtigste Erkenntnis.
Auch ein sehr zuverlässiger Hund kann durch die Veränderung zunächst wieder unsicherer oder impulsiver werden. Training und Alltag sollten deshalb an die neue Situation angepasst werden.
6. Behaltet beide Hunde als Individuen im Blick
Auch wenn die Hunde zusammenleben, bleiben es zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Was für Luna funktioniert, muss nicht automatisch für Roxy funktionieren – und umgekehrt.
7. Schafft Einzelzeiten für beide Hunde
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es unglaublich wichtig ist, mit jedem Hund regelmäßig auch Einzelgassis zu machen. So können wir uns ganz bewusst auf die individuellen Bedürfnisse und Aufgaben jedes einzelnen Hundes konzentrieren. Gleichzeitig sind diese gemeinsamen Zeiten für uns besonders wichtig, um die Bindung zu jedem Hund zu stärken.
Heute: Zwei Hunde gehören zu unserem Alltag
Heute schlummern Luna und Roxy gemeinsam den größten Teil des Tages auf dem Bett oder auf der Couch.
Wenn wir daran zurückdenken, wie aufmerksam Luna Roxy am Anfang beobachtet hat und wie wenig Roxy Lunas Ruhebedürfnis verstanden hat, ist es schön zu sehen, wie selbstverständlich ihr gemeinsames Leben inzwischen geworden ist.
Natürlich bringt der Alltag mit mehreren Hunden auch heute noch Herausforderungen mit sich. Aber gleichzeitig haben wir durch die beiden unglaublich viel gelernt.
Über Hunde. Über Kommunikation. Über Geduld. Und darüber, dass Entwicklung nicht immer nur geradeaus verläuft.
Manchmal macht man einen Schritt nach vorne und später wieder einen zurück. Und manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass eine Situation für den Hund eine viel größere Veränderung war, als man selbst gedacht hat.
Für uns hat sich die Entscheidung für einen Zweithund trotzdem absolut gelohnt.
Nicht, weil seitdem alles einfacher geworden ist. Sondern weil Luna und Roxy sich gegenseitig auf ihre ganz eigene Art bereichern. Und genau das macht das Leben mit zwei Hunden für uns so besonders. 🤍
Unser Fazit
Wenn ihr darüber nachdenkt, einen Zweithund aufzunehmen, würden wir euch vor allem eines mitgeben:
Gebt nicht nur dem neuen Hund Zeit, anzukommen. Gebt auch eurem Ersthund Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen.
Beobachtet eure Hunde, nehmt ihre Kommunikation ernst und seid bereit, im Training auch einmal einen Schritt zurückzugehen. Denn Mehrhundehaltung ist nicht automatisch doppelt so viel Arbeit – aber sie ist definitiv eine neue Dynamik, auf die sich alle Beteiligten erst einstellen müssen.
Und manchmal entsteht genau daraus etwas richtig Schönes. 🐾
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1 Kommentar
Sehr schöner Beitrag und ein toller Einblick in euer Leben mit zwei Hunden.